Ende Juli beschlossen
Rahel und ich uns im Rahmen der Bergsteigergruppe für die Besteigung
einer Eiswand im Wallis. Die Entscheidung fiel für die wenig bekannte
Nordwand des Fletschhorns auf Empfehlung eines Saaser Bergführers
vor Ort. Bewertet ist die Wand mit einer Gesamtschwierigkeit von G10. Die
Erstbesteigung erfolgte am 25.7.1928 durch Blanchet, Supersaxo und Mooser.
In den folgenden 33 Jahren gab es nur zwei weitere Besteigungen. Dort wollten
wir abseits des Massenbergsteigens unsere eigene Spur in die 750m Eiswand
schlagen.
Die Anfahrt erfolgte mit dem VW-Bus
über den Simplonpaß nach Egga auf 1588m. Dort wurde das Mountainbike
abgestellt um nach der Tour das Auto abholen zu können. Dann fuhren
wir auf steilem Weg hinauf zur Rossbodenalm auf 1922m. Hier wurden die Rucksäcke
gepackt und der Aufstieg über einsame Blumenwiesen zu Fuß fortgesetzt.
Am Ende eines Firnfeldes trafen wir nach 4 Stunden Gehzeit in 3014m Höhe
auf das 1999 neu errichtete Nordwandbiwak. Dieses ist mit 9 Betten und Kochgelegenheit
gut eingerichtet und kaum bekannt. Wir waren daher allein auf dem Biwak
bis in der Nacht um 22:30 Uhr noch 3 Italiener auf das Biwak kamen. Das
Frühstück erfolgte dann um 2:00 Uhr, damit wir eine Stunde später
die Tour beginnen konnten. Nach einer weiteren Stunde waren wir über
den Rossbodengletscher zum Wandfuß gelaufen. In der klaren Nacht begann
der Aufstieg durch die Eiswand über die Wienerroute bis zu einer Felsinsel
in der Mitte der Wand auf welcher wir dann im ersten Morgenlicht eine kurze
Rast einlegten. Anschließend begann der Kampf mit den Walliser Elementen.
In der Nord-Flanke erfolgten wie am Abend zuvor die ersten Eisabbrüche.
Die Wand wurde nun mit zunehmender Höhe immer steiler und die Kondition
gleichzeitig immer schwächer. Der Firn war im unteren Teil der Wand
optimal, wechselte aber nun seine Festigkeit laufend. Von der Nordflanke
bis zu uns war die Wand mit zahlreichen Firnrinnen durchzogen. Wächtenabbrüche
müssen diese Rinnen wie gigantische Hobel aus der Wand gefräst
haben. Auf dem Rücken dieser Rinnen konnten wir im weichen Firn gute
Stufen treten. In der Mitte mußte auf den Frontzacken der Steigeisen
aufgestiegen werden, hier war perfekte Eistechnik gefragt. Die Steilheit
der Wand steigerte sich nun weiter auf gute 60 Grad. Dann entschlossen wir
uns im obersten Teil der Wand zur Sicherung mit dem Seil. Als Standplatz
mußte ein eingeschlagenes Eisgerät und ein Firnanker genügen.
Eisschrauben konnten in dem Firn keinen Halt mehr finden und wurden mehr
aus moralischen Gründen als Zwischensicherung gesetzt. Zu unserer rechten
Seite erfolgten nun immer wieder Steinschläge aus dem Senggjoch. Da
die Sicherung viel Zeit gekostet hat, sind wir in der Mittagssonne immer
noch in der Wand. Zeit ist nun ein kostbares Gut geworden. Von oben grüßten
die weit überhängenden weich gewordenen Wächten, unter uns
endloser Abgrund. Daher entschlossen wir uns auf direktem Weg zu einem Felsblock
aufzusteigen. Dort war der Ausstieg aus der Wand über einen senkrechten
Aufschwung möglich. Den Nervenquergang zum Gipfelaufschwung ließen
wir daher links liegen. Als wir gegen 15:00 Uhr an diesem Felsblock angekommen
sind, fiel es immer schwerer das 50m Seil durch den HMS Karabiner zu ziehen.
Die Kondition war aufgebraucht, und die Schlüsselstelle lag noch vor
uns. Der Felsblock war aber glatt wie eine Billardkugel, so daß zur
Sicherung kein Hacken geschlagen werden konnte. Ein letztes mal mußte
wieder der Firnanker gesetzt werden, und auch mit letzter Kraft wurde nun
die Schlüsselstelle der Wand durch die Wächten angegangen. Mit
dem ersten Schlag des Eisgerätes auf die Saaser Seite des Fletschhorns
war der Kampf mit der Nordwand endlich gewonnen.
Da von Brig schweres Wetter aufzog,
ließen wird den Gipfel mit 3993m links liegen und stiegen rasch zur
Weissmieshütte ab, dort sind wir gegen 19:00 Uhr angekommen. Die Rückfahrt
zum Simplonpaß erfolgte am nächsten Tag mit dem Postbus.
Andreas Beier (Text), Rahel Maria
Liu (Photos)
(published in: Mitteilungen der
Sektion Ulm des DAV , 3/2001, pp. 18-19)