Fletschhorn
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Fletschhorn Northface

Tripreport  

Last update: April 28th, 2002
   © Copyright by
Rahel Maria Liu

Eine einsame Herausforderung im Walliser Eis

Fletschhorn Northface

   In the Fletschhorn Northface:
Optical illusion, the steepness is between 55° and 60° (July 2001)

© Copyright by
Rahel Maria Liu

Ende Juli beschlossen Rahel und ich uns im Rahmen der Bergsteigergruppe für die Besteigung einer Eiswand im Wallis. Die Entscheidung fiel für die wenig bekannte Nordwand des Fletschhorns auf Empfehlung eines Saaser Bergführers vor Ort. Bewertet ist die Wand mit einer Gesamtschwierigkeit von G10. Die Erstbesteigung erfolgte am 25.7.1928 durch Blanchet, Supersaxo und Mooser. In den folgenden 33 Jahren gab es nur zwei weitere Besteigungen. Dort wollten wir abseits des Massenbergsteigens unsere eigene Spur in die 750m Eiswand schlagen.

Die Anfahrt erfolgte mit dem VW-Bus über den Simplonpaß nach Egga auf 1588m. Dort wurde das Mountainbike abgestellt um nach der Tour das Auto abholen zu können. Dann fuhren wir auf steilem Weg hinauf zur Rossbodenalm auf 1922m. Hier wurden die Rucksäcke gepackt und der Aufstieg über einsame Blumenwiesen zu Fuß fortgesetzt. Am Ende eines Firnfeldes trafen wir nach 4 Stunden Gehzeit in 3014m Höhe auf das 1999 neu errichtete Nordwandbiwak. Dieses ist mit 9 Betten und Kochgelegenheit gut eingerichtet und kaum bekannt. Wir waren daher allein auf dem Biwak bis in der Nacht um 22:30 Uhr noch 3 Italiener auf das Biwak kamen. Das Frühstück erfolgte dann um 2:00 Uhr, damit wir eine Stunde später die Tour beginnen konnten. Nach einer weiteren Stunde waren wir über den Rossbodengletscher zum Wandfuß gelaufen. In der klaren Nacht begann der Aufstieg durch die Eiswand über die Wienerroute bis zu einer Felsinsel in der Mitte der Wand auf welcher wir dann im ersten Morgenlicht eine kurze Rast einlegten. Anschließend begann der Kampf mit den Walliser Elementen. In der Nord-Flanke erfolgten wie am Abend zuvor die ersten Eisabbrüche. Die Wand wurde nun mit zunehmender Höhe immer steiler und die Kondition gleichzeitig immer schwächer. Der Firn war im unteren Teil der Wand optimal, wechselte aber nun seine Festigkeit laufend. Von der Nordflanke bis zu uns war die Wand mit zahlreichen Firnrinnen durchzogen. Wächtenabbrüche müssen diese Rinnen wie gigantische Hobel aus der Wand gefräst haben. Auf dem Rücken dieser Rinnen konnten wir im weichen Firn gute Stufen treten. In der Mitte mußte auf den Frontzacken der Steigeisen aufgestiegen werden, hier war perfekte Eistechnik gefragt. Die Steilheit der Wand steigerte sich nun weiter auf gute 60 Grad. Dann entschlossen wir uns im obersten Teil der Wand zur Sicherung mit dem Seil. Als Standplatz mußte ein eingeschlagenes Eisgerät und ein Firnanker genügen. Eisschrauben konnten in dem Firn keinen Halt mehr finden und wurden mehr aus moralischen Gründen als Zwischensicherung gesetzt. Zu unserer rechten Seite erfolgten nun immer wieder Steinschläge aus dem Senggjoch. Da die Sicherung viel Zeit gekostet hat, sind wir in der Mittagssonne immer noch in der Wand. Zeit ist nun ein kostbares Gut geworden. Von oben grüßten die weit überhängenden weich gewordenen Wächten, unter uns endloser Abgrund. Daher entschlossen wir uns auf direktem Weg zu einem Felsblock aufzusteigen. Dort war der Ausstieg aus der Wand über einen senkrechten Aufschwung möglich. Den Nervenquergang zum Gipfelaufschwung ließen wir daher links liegen. Als wir gegen 15:00 Uhr an diesem Felsblock angekommen sind, fiel es immer schwerer das 50m Seil durch den HMS Karabiner zu ziehen. Die Kondition war aufgebraucht, und die Schlüsselstelle lag noch vor uns. Der Felsblock war aber glatt wie eine Billardkugel, so daß zur Sicherung kein Hacken geschlagen werden konnte. Ein letztes mal mußte wieder der Firnanker gesetzt werden, und auch mit letzter Kraft wurde nun die Schlüsselstelle der Wand durch die Wächten angegangen. Mit dem ersten Schlag des Eisgerätes auf die Saaser Seite des Fletschhorns war der Kampf mit der Nordwand endlich gewonnen.

Da von Brig schweres Wetter aufzog, ließen wird den Gipfel mit 3993m links liegen und stiegen rasch zur Weissmieshütte ab, dort sind wir gegen 19:00 Uhr angekommen. Die Rückfahrt zum Simplonpaß erfolgte am nächsten Tag mit dem Postbus.  

Andreas Beier (Text), Rahel Maria Liu (Photos)

(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV , 3/2001, pp. 18-19)