Hochferner
  Mainpage
  Photos
  Routes
  Summitlogs
  Tripreports:
  - June2002
  Links


































Hochferner Northface

Tripreport  

Last update: August 8th, 2002
   © Copyright by
Rahel Maria Liu


950 hm Nordwand, 3 Gipfel und 8:0 für Deutschland ...


Hochferner Northface

Hochferner Northface


© Copyright by
Rahel Maria Liu


Treffpunkt Günther-Messner-Biwakschachtel am 31. Mai 2002 für Wolfgang, Andreas und mich. Auf dem Programm stand: Hochferner-Nordwand mit Ausstieg auf die Hintere Weißspitze. Das Wetter war prächtig, und so ließen wir uns auf den Wettlauf um die begehrten wenigen Schlafplätze auf der Biwakschachtel ein. Da wir alle drei am frühen Nachmittag nach einem gemütlichen Hüttenaufstieg durch die Almwiesen des Oberbergtals auf der Biwakschachtel eintrafen, war uns allen jeweils noch ein Bett vergönnt. Am Ende sollten es 14 Personen werden, die in der mit 9 Betten ausgestatteten Biwakschachtel übernachteten .... sei es auf dem Boden, auf dem Tisch, unter dem Tisch oder zu zweit in einem Bett ...

Nach reichlichem Konsum von Spaghetti, bei deren Zubereitung Wolfgang leider das Salz mit dem Zucker verwechselt hatte, war es Zeit, an Nachtruhe zu denken. Trotz der heillosen Überfüllung der Hütte schlief es sich gut, bis der Wecker uns noch vor Sonnenaufgang aus den Träumen rief. Der Einstieg der Nordwand war unweit der Biwakschachtel. Dennoch war ich für die kurze Traverse über einen Schutthang wohl noch nicht richtig aufgewacht. Ich verfluchte den beginnenden Tag – es konnte also alles nur noch besser werden ...

Die Nordwand hatte am Abend zuvor in einigen Passagen viel steiler und z.T. sicherungswürdiger ausgesehen, als sie sich schließlich herausstellte. Der Firn war bestens, so daß wir das Seil getrost in den Untiefen des Rucksacks belassen konnten. Die durchschnittlich 40° bis 45° steile Eiswand bot durch ihre Länge von insgesamt 950 hm und einer relativ großen Breite hinreichend Möglichkeiten, daß sich die Völkerwanderung verlaufen konnte. Denn es waren nicht nur wir 14 Personen von der Biwakschachtel, die die Wand an diesem Tag bestürmten. In der Früh kamen vielmehr nochmal fast ebenso viele Bergsteiger aus dem Tal herauf, die die Überfüllung der Biwakschachtel in weiser Voraussicht erahnt hatten.

Der Sonnenaufgang lud immer wieder zum Blick zurück ein. Nach der Hälfte wurde die Wand in der Baumgartner-Mayr-Route, die wir kletterten, serakdurchsetzt. Aber die gelegte Spur schien gut und logisch. Ich stapfte in Gedanken versunken vor mich hin, bis ich plötzlich vor einem ca. 3 bis 4m hohen senkrechten Serakabbruch stand, der mich wahrscheinlich auch nicht wirklich aus meinen Gedanken gerissen hätte. Ich wartete auf Andreas, da mir die Gelegenheit eines Actionfotos gegeben schien. Erst als Andreas mich auf die vielen Höhenmeter Abhang unter mir hinwies, wachte ich endlich auf. Die Zeit für eine Seilsicherung war gegeben, wenn auch nur für diese 3 bis 4 Meter. Ich stieg diese Passage flugs vor. Andreas folgte mir. Wir warteten kurz auf Wolfgang, um auch ihn durch die Passage durchzusichern. Doch irgendwie hatte Wolfgang den Frosch, der mir am Morgen beim Zustieg zur Wand im Hals steckte, an dieser Stelle verschluckt. Doch schließlich konnten wir glücklich unser Seil wieder einpacken und das restliche Drittel der Wand angehen. Mittlerweile lag die Wand in der Sonne, und wir hatten ein schönes flaches Plateau vor der ca. 250 m hohen Schlußwand erreicht. Die Trägheit begann zu siegen, so daß sich die Herren der Schöpfung zu einem Sonnenbad hinreißen ließen, während ich mich daran machte, eine Spur zur und durch die Schlußwand der Hinteren Weißspitze (3395m) zu legen. Alle anderen Kletterer vor uns hatten an der Wandgabelung offensichtlich den östlichen, direkten Ausstieg auf den Hochferner (3470m) bevorzugt. Auf dem Gipfel der Weißspitze hatte ich somit über eine Stunde Zeit, alleine in aller Seelenruhe die herrliche Aussicht zu genießen – und die Gedanken an den uns bevorstehenden Ostgrat zum Hochferner hinüber zu verdrängen. Der sah mit seiner Ausgesetztheit und Überwächtung alles andere als einladend aus. Wir sollten es vor allem noch sehr bereuen, daß unsere Antistollplatten angesichts der Schneeschuhe der Gewichtsfrage zum Opfer gefallen waren. Wie dumm!!

Nachdem auch Andreas und Wolfgang den Gipfel erreicht und den Grat betrachtet hatten, entschlossen wir uns angesichts der fehlenden Antistollplatten zur behelfsmäßigen Sicherung mittels totem Mann bzw. toter Frau oder senkrecht eingerammtem Pickel. Alles andere wäre bei dem mittlerweile sehr weichen und stollenden Schnee sinnloser Leichtsinn gewesen. Das Sichern kostete Zeit. Daher erreichten wir den Hochferner erst .... zu den letzten 15 Spielminuten des Fußballspiels Deutschland gegen Saudi Arabien. Wolfgang und Andreas ließen es sich nicht nehmen, auf dem Gipfel das Radio auszupacken und sich den Spielausgang in Lifeübertragung anzuhören. Da ich mir das nicht antun wollte und mich zudem der Hochfeilergipfel anlachte, zog ich es vor, mich an den Abstieg zur Traverse hinüber zum Normalweg auf den Hochfeiler (3509m) zu machen. Da ich mich zu diesem Zeitpunkt – leider – noch nicht von der Hosenbodenmethode hatte überzeugen lassen, begab ich mich an den zivilisierten Abstieg des ca. 40° steilen Hangs, an dessen Ende mich Wolfgang und Andreas fröhlich johlend und den Hosenboden runterrutschend einholten – mit der Nachricht des 8:0 Sieges für Deutschland. Nach einer kurzen Traverse des Weißkarferners mittels Schneeschuhen ließen Wolfgang und Andreas sich am Beginn der Westgratroute auf den Hochfeiler nieder, den beide früher bereits schon einmal bestiegen hatten, während ich in gut 1 Stunde alleine noch meinen dritten 3000er-Gipfel an diesem Tag mitnahm. Zu guter Letzt rutschten wir alle auf falscher Route fröhlich mehrere hundert Höhenmeter auf dem Hosenboden zur Hochfeilerhütte ab. Auf den Finderlohn für den nagelneuen Schneeschuh, den Wolfgang bei dieser Aktion verlor und den ich aufsammelte, warte ich allerdings noch immer ....

Rahel Maria Liu  

(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV , 3/2002, pp. 11-14)