Hohberghorn
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  - July2001
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Hohberghorn Northface

Tripreport  

Last update: April 15th, 2002
   © Copyright by
Rahel Maria Liu


IMPRESSIONEN. Meine erste halb freiwillige, halb unfreiwillige Solo-Nordwandtour




Hohberghorn Northface  

The beautiful Hohberghorn Northface (July 2001)

© Copyright by
Rahel Maria Liu

Der Berg gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Auch eine Nordwand gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Doch bis dahin war es noch weit. Es war 12 Uhr mittags auf dem Hohberghorn bei noch strahlend blauem Himmel und warmem Sonnenschein.

Es fing alles ganz harmlos an. Ich hatte mich der Bergsteigergruppe in Richtung Wallis angeschlossen, um 1 Woche wohlverdienten, erholsamen und streßfreien Urlaub zu genie-ßen. Aber wenn man keinen Streß hat, macht man ihn sich ja bekanntlich selbst. Es war ein Sonntag, der 22.7., als die Entscheidung fiel. Eigentlich hatten wir - Albert, Albrecht, An-ton, Fritz, Isolde, Jürgen und ich – uns für diesen Tag den Nadelgrat (Richtung: Nadelhorn-Dürrenhorn) vorgenommen. Niemand von uns war jedoch über das Stecknadelhorn hinaus-gekommen. Doch von Aufgeben war keine Rede. Am nächsten Tag sollte ein Versuch in umgekehrter Richtung erfolgen.

Ich bin nicht eine Solotourengängerin aus Leidenschaft. Sondern Entscheidungen für Solounternehmungen entspringen bei mir immer dem einen oder anderen inneren oder äußeren Zwang. Mir gefällt das Bergsteigen in einer Gruppe – und erst recht mit so netten Leu-ten wie in der Bergsteigergruppe – viel besser, weil man von den Erfahrungen der anderen profitieren kann, weil man die Erfolgserlebnisse miteinander teilen kann, weil man einfach gemeinsam viel mehr Spaß haben kann und natürlich weil es auch sicherer ist. An diesem besagten Sonntag jedoch fiel bei mir die Entscheidung für eine Solounternehmung. Was mich in den Bergen am meisten fasziniert, sind Nordwände, insbesondere glatte, gerade verlaufende Nordwände ohne Brüche und Abbrüche – die Hohberghorn-NO-Wand ist eine solche. Vielleicht ist es das Gewaltige, als welches man eine Eisnordwand erlebt, wenn man sie aus kurzer Entfernung betrachtet, was mich fasziniert. Vielleicht ist es auch ein Zug zum Meditativen in dem gleichmäßigen Aufsteigen. Warum auch immer – an diesem besagten Sonntag wollte der Blick auf die Hohberghorn-NO-Wand, der sich mir beim Auf-steigen zum Nadelhorn und Stecknadelhorn bot, nicht aus meinem Geist weichen. Es be-fand sich eine geradlinige, gleichmäßig ansteigende Spur in der 350 m hohen, 45-50° steilen Wand (G 8, S). Es war bester Trittfirn, das Wetter auch für die nächsten Tage als gut vorhergesagt. Ich konnte dem Reiz dieses Anblicks nicht widerstehen, obwohl auch eine andere Seite in mir rief, mit der Gruppe gehen zu wollen. Immer und immer wieder beschäftigte ich mich den Rest des Tages mit diesem Gedanken: diese Nordwand solo zu machen. „Bist du nicht verrückt?“ So sprach die eine Seite in mir. „Was ist denn schlimm daran? Du bist doch nun wirklich schon öfters derartige Nordwände seilfrei gegangen und hast viel schwerere gemacht.“ So konterte die andere Seite in mir. Schließlich gab ich auf. Unter den anwesenden Gruppenmitgliedern war niemand aus der Steileisfraktion. Also beschloß ich, die Gelegenheit der guten Bedingungen zu nutzen und meine erste Nordwand solo zu begehen. Allerdings war diese Entscheidung gekoppelt an die Nadelgratbegehung der anderen, so daß wir uns auf dem Hohberghorn treffen und gemeinsam über das Stecknadelhorn zurückgehen würden.

In der Wand verlief alles problemlos, wenngleich mir das Alleinsein irgendwann auch reichte. Ich freute mich schon darauf, auf dem Hohberghorn die anderen wieder zu treffen. Es war 9.30 Uhr, als ich das Hohberghorn nach zweistündigem, gemütlichem Aufstieg erreichte. Ich hatte mir extra Zeit gelassen, um die Wartezeit auf dem Gipfel zu verkürzen und auch um Kräfte für den Rückweg zu sparen. Ich sollte mich noch darüber freuen. Ich war um so mehr überrascht, als ich – ca. 100 Hm unter dem Gipfel – 4 deutschsprechende Personen auf dem Grat vom Dürrenhorn zum Hohberghorn beobachtete. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Hatte ich mir zuviel Zeit in der Wand gelassen? Müssen Albert, Al-brecht, Anton und Jürgen jetzt auf mich warten? Ich beeilte mich, den Gipfel zu erreichen. Als ich ankam, brachen die 4 deutschsprechenden Personen gerade auf. Es handelte sich nicht um meine Leute. Ich fragte nach ihnen. „Ja, ja, es kämen noch 2 Deutsche vom Dürrenhorn rüber. Nein, wirklich keine 4 Personen, und auch sonst keine weiteren Personen.“ Man deutet sich ja seine Wirklichkeit zurecht. Also empfand ich noch keine größere Unru-he. Stattdessen beobachtete ich, wie die 4 Schweizer in 1 Stunde mühelos, wie es schien, zum Stecknadelhorn hochkletterten. Es sollte mir moralisch noch zugute kommen. Ich ge-noß die Sonne auf dem Hohberghorn. Eine ¾ Stunde nach meiner Ankunft auf dem Hoh-berghorn erreichten die 2 Deutschen den Gipfel – es war niemand von meinen Leuten. „Nein, nein, es würde niemand mehr kommen. Meine Leute hätten die Tour sicher abgebrochen“, tönte es. Ich war zunächst sprachlos, wollte es auch jetzt noch nicht richtig glau-ben, erkundigte mich aber doch nach der Aufstiegsroute im Eis. „Nein, nein, für den Abstieg nicht empfehlenswert, steiles Eis, heikel. Aber es gäbe eine Kletterroute im Fels mit Abseilhaken.“ Ich bedankte mich brav mit dem kleinen Nachsatz, daß mir das ohne Seil nichts bringen würde – und ließ sie passieren. Es wäre meine letzte Gelegenheit gewesen, nicht alleine zum Stecknadelhorn zu kommen. Doch ich fühlte mich verpflichtet, noch weiter zu warten. Ich schickte eine Kurznachricht (SMS) per Handy an Albert, da ich auf-grund falscher und leerer Prepaidkarte nicht telefonieren konnte: „WO SEID IHR? ICH BIN AUF HOHBERG. RAHEL“. Als nicht unmittelbar eine Antwort kam, wurde ich langsam nervös. Ich schickte eine Anfrage an Andreas ins Tal, in der Hoffnung, daß er von Albert evtl. angefunkt worden war. Andreas‘ fröhliche Antwort kurz vor seinem Start zum Paragliding: „WETTER IN SAAS FEE BESTENS IM NOTFALL 112 A.B.“. Es war mitt-lerweile 11.15 Uhr, und das Wetter verschlechterte sich zusehends. Gewitterwolken zogen auf. Ich überlegte, wieviel Zeit ich meinen Leuten noch geben würde. Um 11.35 Uhr wur-den diese Überlegungen durch eine SMS von Albert abrupt beendet: „TOUR ABGEBROCHEN KÖNNEN RAHEL NICHT ABHOLEN“. Ich packte mein Handy ein. Nun war es Gewißheit. Ich würde meine Solotour auch alleine beenden müssen. Die Route war klar. Ich würde versuchen, zum Stecknadelhorn rüberzukommen. Es war der II. Schwierigkeitsgrad, allerdings teilweise verschneit. Ich hoffte auf meine Erfahrungen von Winterbegehungen des Jubiläumsgrates und des Cosmiquesgrates auf die Aig. du Midi und kletterte los – ohne Seil, ohne Karte, ohne Führer, ohne Tourenpartner. „Wie konntest du nur so blöd gewesen sein, auf die Idee dieser Solotour zu kommen!“, schimpfte ich mit mir. Teils freundete ich mich – oder auch nicht – im Geiste bereits mit einem Notbiwak irgend-wo im Grat an, wo ich steckenbleiben würde und weder vor noch zurück kommen würde. An Ausrüstung für ein Biwak sollte es mir nicht fehlen. Andererseits war ich fest entschlos-sen, irgendwie und irgendwo runterzukommen. Hoppla, da hielt ich doch einen Stein in der Hand, an dem ich mich gerade hochziehen wollte. „Jetzt konzentrier‘ dich“, rief ich mich zur Räson. Ich kletterte weiter. Der Anblick der Gendarme ließ mich erschaudern. Mir kam die Schlüsselstelle des Cosmiquesgrates in Erinnerung. „Unfug“, redete ich mir ein, „hier gibt es keine IV, sondern nur II, auch wenn es schwierig aussieht.“ Ups, schon wieder kullerte ein Stein, auf den ich gerade meinen Fuß gesetzt hatte. Ich kletterte weiter. Langsam fing es an, mir Spaß zu machen. Meine Steigeisen griffen super in den Bändern, ich kam zügig voran. Unversehens stand ich schon vor der Schlußplatte auf dem Stecknadelhorn, einem ca. 1,40 m hohen, glatten Brocken. Sowas Dummes, da mußte ich mit meinen 1,65 m irgendwie rüber. Die vielen Kratzer von Steigeisen deuteten mir auf die Art und Weise: einen einfachen Klimmzug mit Gegenstemmen per Fuß. Doch mit derartigen Geschichten tut frau sich bekanntlich schwer. Schließlich aalte ich mich, reif zum Photographieren, mittels Ganzkörperreibung über die Platte. Geschafft!!! Es war 1 Stunde seit meinem Auf-bruch vom Hohberghorn vergangen. Jetzt hieß es, angesichts des aufkommenden Gewitters, so schnell wie möglich über den NO-Grat des Nadelhorns runterzukommen. Es lief pro-blemlos. Und wie wunderbar war das Überraschungsbonbon, als ich am Windjoch wieder auf meine Leute traf, die gerade von ihren abgebrochenen Frustversuchen, auf den Nadel-grat zu gelangen, zurückkamen. Ich hatte ihnen schon – völlig ungerechtfertigter Weise – unterstellt, sie würden auf der Mischabelhütte im Warmen einen Kaffee trinken. Ich hatte mir bereits überlegt, vom Windjoch aus eine SMS an Albert zu schicken: „BIN AM WINDJOCH. WENN IN 2 STUNDEN NICHT AUF DER HÜTTE, DANN SUCHT MICH IN DER SPALTE.“ Doch diese SMS wurde nicht verschickt. Ich war wieder zurück in der Zivilisation. Ganzen 6 Leuten war ich an diesem Tag zwischen Windjoch und Windjoch begegnet: denen auf dem Hohberghorn. Ich war glücklich: über das gute Ende der Tour, die schöne Nordwandbegehung, die schönen, sonnigen 2 ½ Stunden auf dem Gipfel des Hoh-berghorns und den zügigen, problemfreien Rückweg. Es war ein unvergeßliches Erlebnis.

(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV , 3/2001, pp. 13-17)