Der Berg gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Auch
eine Nordwand gehört dir erst, wenn du wieder unten bist.
Doch bis dahin war es noch weit. Es war 12 Uhr mittags
auf dem Hohberghorn bei noch strahlend blauem Himmel und
warmem Sonnenschein.
Es fing alles ganz harmlos an. Ich hatte mich der
Bergsteigergruppe in Richtung Wallis angeschlossen, um 1
Woche wohlverdienten, erholsamen und streßfreien Urlaub
zu genie-ßen. Aber wenn man keinen Streß hat,
macht man ihn sich ja bekanntlich selbst. Es war ein Sonntag, der
22.7., als die Entscheidung fiel. Eigentlich hatten wir - Albert,
Albrecht, An-ton, Fritz, Isolde, Jürgen und ich – uns
für diesen Tag den Nadelgrat (Richtung: Nadelhorn-Dürrenhorn)
vorgenommen. Niemand von uns war jedoch über das Stecknadelhorn
hinaus-gekommen. Doch von Aufgeben war keine Rede. Am nächsten
Tag sollte ein Versuch in umgekehrter Richtung erfolgen.
Ich bin nicht eine Solotourengängerin aus Leidenschaft.
Sondern Entscheidungen für Solounternehmungen entspringen
bei mir immer dem einen oder anderen inneren oder äußeren
Zwang. Mir gefällt das Bergsteigen in einer Gruppe
– und erst recht mit so netten Leu-ten wie in der Bergsteigergruppe
– viel besser, weil man von den Erfahrungen der anderen
profitieren kann, weil man die Erfolgserlebnisse miteinander
teilen kann, weil man einfach gemeinsam viel mehr Spaß haben
kann und natürlich weil es auch sicherer ist. An diesem
besagten Sonntag jedoch fiel bei mir die Entscheidung für
eine Solounternehmung. Was mich in den Bergen am meisten
fasziniert, sind Nordwände, insbesondere glatte, gerade
verlaufende Nordwände ohne Brüche und Abbrüche
– die Hohberghorn-NO-Wand ist eine solche. Vielleicht ist es
das Gewaltige, als welches man eine Eisnordwand erlebt, wenn man
sie aus kurzer Entfernung betrachtet, was mich fasziniert.
Vielleicht ist es auch ein Zug zum Meditativen in dem gleichmäßigen
Aufsteigen. Warum auch immer – an diesem besagten Sonntag wollte
der Blick auf die Hohberghorn-NO-Wand, der sich mir beim Auf-steigen
zum Nadelhorn und Stecknadelhorn bot, nicht aus meinem Geist
weichen. Es be-fand sich eine geradlinige, gleichmäßig
ansteigende Spur in der 350 m hohen, 45-50° steilen Wand
(G 8, S). Es war bester Trittfirn, das Wetter auch für die
nächsten Tage als gut vorhergesagt. Ich konnte dem Reiz
dieses Anblicks nicht widerstehen, obwohl auch eine andere Seite
in mir rief, mit der Gruppe gehen zu wollen. Immer und immer
wieder beschäftigte ich mich den Rest des Tages mit diesem
Gedanken: diese Nordwand solo zu machen. „Bist du nicht verrückt?“
So sprach die eine Seite in mir. „Was ist denn schlimm daran?
Du bist doch nun wirklich schon öfters derartige Nordwände
seilfrei gegangen und hast viel schwerere gemacht.“ So konterte
die andere Seite in mir. Schließlich gab ich auf. Unter
den anwesenden Gruppenmitgliedern war niemand aus der Steileisfraktion.
Also beschloß ich, die Gelegenheit der guten Bedingungen
zu nutzen und meine erste Nordwand solo zu begehen. Allerdings
war diese Entscheidung gekoppelt an die Nadelgratbegehung der
anderen, so daß wir uns auf dem Hohberghorn treffen und
gemeinsam über das Stecknadelhorn zurückgehen würden.
In der Wand verlief alles problemlos, wenngleich
mir das Alleinsein irgendwann auch reichte. Ich freute
mich schon darauf, auf dem Hohberghorn die anderen wieder
zu treffen. Es war 9.30 Uhr, als ich das Hohberghorn nach
zweistündigem, gemütlichem Aufstieg erreichte. Ich hatte
mir extra Zeit gelassen, um die Wartezeit auf dem Gipfel
zu verkürzen und auch um Kräfte für den Rückweg
zu sparen. Ich sollte mich noch darüber freuen. Ich war
um so mehr überrascht, als ich – ca. 100 Hm unter dem
Gipfel – 4 deutschsprechende Personen auf dem Grat vom Dürrenhorn
zum Hohberghorn beobachtete. Ich bekam ein schlechtes Gewissen.
Hatte ich mir zuviel Zeit in der Wand gelassen? Müssen
Albert, Al-brecht, Anton und Jürgen jetzt auf mich warten? Ich
beeilte mich, den Gipfel zu erreichen. Als ich ankam, brachen
die 4 deutschsprechenden Personen gerade auf. Es handelte
sich nicht um meine Leute. Ich fragte nach ihnen. „Ja, ja,
es kämen noch 2 Deutsche vom Dürrenhorn rüber.
Nein, wirklich keine 4 Personen, und auch sonst keine weiteren
Personen.“ Man deutet sich ja seine Wirklichkeit zurecht. Also
empfand ich noch keine größere Unru-he. Stattdessen
beobachtete ich, wie die 4 Schweizer in 1 Stunde mühelos,
wie es schien, zum Stecknadelhorn hochkletterten. Es sollte
mir moralisch noch zugute kommen. Ich ge-noß die Sonne auf dem
Hohberghorn. Eine ¾ Stunde nach meiner Ankunft auf
dem Hoh-berghorn erreichten die 2 Deutschen den Gipfel – es
war niemand von meinen Leuten. „Nein, nein, es würde
niemand mehr kommen. Meine Leute hätten die Tour sicher
abgebrochen“, tönte es. Ich war zunächst sprachlos,
wollte es auch jetzt noch nicht richtig glau-ben, erkundigte
mich aber doch nach der Aufstiegsroute im Eis. „Nein, nein,
für den Abstieg nicht empfehlenswert, steiles Eis, heikel.
Aber es gäbe eine Kletterroute im Fels mit Abseilhaken.“ Ich
bedankte mich brav mit dem kleinen Nachsatz, daß mir das
ohne Seil nichts bringen würde – und ließ sie passieren.
Es wäre meine letzte Gelegenheit gewesen, nicht alleine
zum Stecknadelhorn zu kommen. Doch ich fühlte mich verpflichtet,
noch weiter zu warten. Ich schickte eine Kurznachricht (SMS)
per Handy an Albert, da ich auf-grund falscher und leerer
Prepaidkarte nicht telefonieren konnte: „WO SEID IHR? ICH
BIN AUF HOHBERG. RAHEL“. Als nicht unmittelbar eine Antwort
kam, wurde ich langsam nervös. Ich schickte eine Anfrage
an Andreas ins Tal, in der Hoffnung, daß er von Albert
evtl. angefunkt worden war. Andreas‘ fröhliche Antwort kurz vor
seinem Start zum Paragliding: „WETTER IN SAAS FEE BESTENS IM
NOTFALL 112 A.B.“. Es war mitt-lerweile 11.15 Uhr, und das
Wetter verschlechterte sich zusehends. Gewitterwolken zogen
auf. Ich überlegte, wieviel Zeit ich meinen Leuten noch
geben würde. Um 11.35 Uhr wur-den diese Überlegungen
durch eine SMS von Albert abrupt beendet: „TOUR ABGEBROCHEN KÖNNEN
RAHEL NICHT ABHOLEN“. Ich packte mein Handy ein. Nun war es
Gewißheit. Ich würde meine Solotour auch alleine
beenden müssen. Die Route war klar. Ich würde versuchen, zum
Stecknadelhorn rüberzukommen. Es war der II. Schwierigkeitsgrad,
allerdings teilweise verschneit. Ich hoffte auf meine Erfahrungen
von Winterbegehungen des Jubiläumsgrates und des Cosmiquesgrates
auf die Aig. du Midi und kletterte los – ohne Seil, ohne Karte,
ohne Führer, ohne Tourenpartner. „Wie konntest du nur
so blöd gewesen sein, auf die Idee dieser Solotour zu
kommen!“, schimpfte ich mit mir. Teils freundete ich mich –
oder auch nicht – im Geiste bereits mit einem Notbiwak irgend-wo
im Grat an, wo ich steckenbleiben würde und weder vor noch
zurück kommen würde. An Ausrüstung für ein Biwak
sollte es mir nicht fehlen. Andererseits war ich fest entschlos-sen,
irgendwie und irgendwo runterzukommen. Hoppla, da hielt ich
doch einen Stein in der Hand, an dem ich mich gerade hochziehen
wollte. „Jetzt konzentrier‘ dich“, rief ich mich zur Räson.
Ich kletterte weiter. Der Anblick der Gendarme ließ mich
erschaudern. Mir kam die Schlüsselstelle des Cosmiquesgrates
in Erinnerung. „Unfug“, redete ich mir ein, „hier gibt es keine
IV, sondern nur II, auch wenn es schwierig aussieht.“ Ups, schon
wieder kullerte ein Stein, auf den ich gerade meinen Fuß
gesetzt hatte. Ich kletterte weiter. Langsam fing es an, mir
Spaß zu machen. Meine Steigeisen griffen super in den
Bändern, ich kam zügig voran. Unversehens stand ich schon vor
der Schlußplatte auf dem Stecknadelhorn, einem ca. 1,40
m hohen, glatten Brocken. Sowas Dummes, da mußte ich
mit meinen 1,65 m irgendwie rüber. Die vielen Kratzer
von Steigeisen deuteten mir auf die Art und Weise: einen einfachen
Klimmzug mit Gegenstemmen per Fuß. Doch mit derartigen
Geschichten tut frau sich bekanntlich schwer. Schließlich
aalte ich mich, reif zum Photographieren, mittels Ganzkörperreibung
über die Platte. Geschafft!!! Es war 1 Stunde seit meinem
Auf-bruch vom Hohberghorn vergangen. Jetzt hieß es, angesichts
des aufkommenden Gewitters, so schnell wie möglich über
den NO-Grat des Nadelhorns runterzukommen. Es lief pro-blemlos.
Und wie wunderbar war das Überraschungsbonbon, als ich am Windjoch
wieder auf meine Leute traf, die gerade von ihren abgebrochenen
Frustversuchen, auf den Nadel-grat zu gelangen, zurückkamen.
Ich hatte ihnen schon – völlig ungerechtfertigter Weise
– unterstellt, sie würden auf der Mischabelhütte
im Warmen einen Kaffee trinken. Ich hatte mir bereits überlegt,
vom Windjoch aus eine SMS an Albert zu schicken: „BIN AM
WINDJOCH. WENN IN 2 STUNDEN NICHT AUF DER HÜTTE, DANN
SUCHT MICH IN DER SPALTE.“ Doch diese SMS wurde nicht verschickt.
Ich war wieder zurück in der Zivilisation. Ganzen 6 Leuten
war ich an diesem Tag zwischen Windjoch und Windjoch begegnet:
denen auf dem Hohberghorn. Ich war glücklich: über das
gute Ende der Tour, die schöne Nordwandbegehung, die schönen,
sonnigen 2 ½ Stunden auf dem Gipfel des Hoh-berghorns
und den zügigen, problemfreien Rückweg. Es war ein
unvergeßliches Erlebnis.
(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des
DAV , 3/2001, pp. 13-17)