Am Samstag, dem 27. Juli 2002, war es endlich soweit: Nach
wochenlangem Warten auf ein passendes Wetterfenster mit der Vorhersage
für mehrere Tage an sehr gutem Wetter brachen Ivano Ghirardini
(ein befreundeter Bergführer aus Frankreich – Chamonix und Provence)
und ich zu unserem seit einigen Monaten geplanten Unternehmen auf, der
gemeinsamen Eröffnung einer neuen Route auf den Mont Maudit. Eigentlich
hatten wir uns eine Route in der NW-Wand des Mont Maudit vorgenommen, von
der sich dann aber noch rechtzeitig herausstellte, daß sie bereits
begangen worden war. So fiel unsere Entscheidung schließlich auf
die noch völlig unerschlossene SW-Wand des Mont Maudit (Pointe Mieulet).
Die endgültige Entscheidung der konkreten Route fiel aber erst am
eigentlichen Klettertag.
Mit sehr schweren Rucksäcken mit Fels- und Eisausrüstung
sowie Ausrüstung für mehrere Biwaks brachen wir nun am Morgen
in Chamonix auf – gleich mit der ersten Panne, die wie ein ungünstiges
Omen erschien, letztlich aber die einzige Panne bleiben sollte: Ivanos
altersschwaches Auto ließ uns im Stich und strafte uns beim Startversuch
mit Stillschweigen. Die mehreren Stunden Laptopbenutzung mit Hilfe
der Autobatterie am Tag zuvor waren wohl doch etwas zuviel gewesen ....
beim wenig angenehmen Fußmarsch über die Asphaltstraßen
von Chamonix fing mein nagelneuer Rucksack dann auch direkt an, mich
an allen Ecken und Enden zu plagen – es konnte also alles nur noch besser
werden .....
Nachdem uns die Seilbahn zusammen mit vielen Touristen auf
die Aiguille du Midi gebracht hatte, stand uns nun der Anmarsch zu
unserem ersten Biwak am Col de la Brenva auf 4303m, ca. 500 Höhenmeter
unterhalb des Mont Blancs, bevor. Nach einem kurzen Schwatz mit einer
Gruppe von Böblingern aus der Nähe meines Wohnortes (so klein
ist die Welt ....), die gerade die Aiguille du Midi von der Mer de Glace
erreichten, machten wir uns auf den Weg. Da wir als Freunde kletterten,
Ivano also nicht in Bergführerfunktion unterwegs war, konnten wir
beide in den Genuß von nicht lehrbuchmäßiger Begehung
der vergletscherten Normalwege auf Mont Blanc du Tacul und Mont Maudit
ohne Seilbenutzung kommen.
Wir genossen die Sonne und den strahlend blauen Himmel und
ich noch etliche Smalltalks mit einigen Gruppen deutschsprechender
Kletterer, die wir passierten. Gemütlich erreichten wir via Mont
Blanc du Tacul und Mont Maudit bzw. Col du Mont Maudit am Nachmittag
unseren Biwakplatz am Col de la Brenva. Unsere Bemühungen beim Schneeschaufeln
für den Biwakplatz stellten sich hinterher als nicht so sonderlich
erfolgreich heraus. Ich lag mit dem Kopf deutlich nach unten, was gerade
in dieser Höhe über eine ganze Nacht lang hinweg wohl nicht
so sehr angenehm geworden wäre. Wir mußten in inverser Richtung
schlafen, da mein 1-Personen-Zelt nicht mehr Platz bot. Also funktionierte
ich kurzerhand meine Koflach Plastik Schuhe zu einem Kopfkissen um – und
schlief wirklich sehr gemütlich in der nun folgenden Nacht. Wir waren
beide sehr gut akklimatisiert, so daß wir keine Probleme mit der
Höhe hatten, was nicht so selbstverständlich ist. Ich hatte
einige Tage zuvor 5 Nächte auf der Turiner Hütte verbracht
und war mit verschiedenen Personen aus der Bergsteigergruppe der Sektion
Ulm den Rochefortgrat, die Nordwand der Tour Ronde und die Dent du Géant
geklettert. Ivano hatte in den Wochen zuvor mehrfach Personen auf den
Mont Blanc geführt.
Wir brachen relativ spät am nächsten Morgen auf,
da wir in der Sonne klettern wollten. Scharen von Mont Blanc Anwärtern
hatten wir in der Früh schon den Col de la Brenva passieren gehört.
Nun schauten wir uns noch eine Hubschrauberbergung eines höhenkranken
Bergsteigers vom Col de la Brenva an, bevor wir gegen 10.30 Uhr in
NW-Richtung über den Gletscher „Le Corridor“ losmarschierten.
Erst hier fiel die endgültige Entscheidung für eine sehr logische
Route durch die SW-Wand: einen Felssporn von knapp 300m Höhe. Gegen
12 Uhr stiegen wir in die Route ein. Die erste Seillänge vom Bergschrund
auf ca. 4010m bis zum Felssporn war Schnee-/Eiskletterei in etwa 45°
bis 50° steilem Gelände. Mit der zweiten Seillänge begann
der Felsteil im IV. Schwierigkeitsgrad. Die folgende dritte Seillänge
sollte die schwierigsten Passagen der gesamten Route mit Grad V liefern.
Da wir mit unseren Koflach Plastikschuhen kletterten (wir hatten mit Absicht
keine anderen Kletterschuhe dabei), war diese Seillänge für
mich durchaus eine Herausforderung. Für Ivano war es eine Leichtigkeit,
nachdem er auf eben diese Weise u.a. in einem Winter die Nordwände
von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses solo durchstiegen hatte. Es
kam für mich aber nicht überraschend, sondern ich hatte dies
vielmehr erwartet und mich dementsprechend vorbereitet: Als ich mit Jürgen
aus der Bergsteigergruppe den Normalweg auf die Dent du Géant (bis
V+ ohne Fixseilbenutzung) geklettert war, hatte ich auch ausschließlich
meine Koflach Schalenschuhe benutzt. Gefallen an dieser Art von Kletterei
hatte ich bereits eine weitere Woche zuvor gefunden, während derer
ich in der Provence mit Ivano zusammen etliche Felskletterrouten bis zum
V. Schwierigkeitsgrad mit steigeisenfesten Schuhen geklettert war – es
macht wirklich Spaß!!!
Nach der Schlüsselseillänge wurde es dann gemütlicher
mit Felskletterei im 3. Schwierigkeitsgrad. Doch plötzlich beschleunigte
sich mein Herzschlag – was war das? Ein weißes Band in einem
Felsbrocken verklemmt .... da war doch nicht etwa jemand vor uns ...
ich rief Ivano, der schon weiter oben war. „Take it with you! It’s from
a balloon.“, schallte es herab. Auch er hatte es gesehen und gleich
bemerkt, daß es sich um einen Luftballonanhänger handelte.
Das Schulkind einer Grundschule aus Annecy wird sich wundern, wenn es
erfährt, wo sein Ballon gelandet ist.
Wir setzten unsere Kletterei im Fels (Grad III) fort und erreichten
nach insgesamt 14 Seillängen (im oberen Teil auch etwas Schnee-/Eisklettererei
bis ca. 50°) und ca. 5 Stunden Kletterzeit vom Einstieg an gerechnet
den NW-Grat des Mont Maudit auf ca. 4315m Höhe, dem wir weiter
bis zum Col du Mont Maudit folgten. Einen Felshaken, einen großen
Friend und eine Bandschlinge, die wir nicht mehr entfernen konnten, ließen
wir in der Route zurück. Den Col de la Brenva erreichten wir wieder
gegen 18.30 Uhr, wo wir uns zu einem gemütlichen Abendessen mit
wunderbarem Panorama und in völliger Einsamkeit niederließen,
was in diesem Platz bei bestem Wetter eine Rarität ist. Wir freuten
uns über unseren Erfolg. Da die Sonne am Morgen erst sehr spät
die Wand erreicht hatte und wir dementsprechend spät aufgebrochen
waren, hatte sich unsere ursprüngliche Überlegung erledigt,
nämlich das zweite Biwak auf dem Gipfel des Mont Blanc zu machen.
Dennoch ließen wir uns am nächsten Tag den Spaß nicht
nehmen, unsere schweren Rucksäcke statt auf kürzestem Weg über
die Aiguille du Midi ins Tal zu bringen, über den Mont Blanc zu schleppen.
Wir ließen uns am Morgen sehr viel Zeit, standen spät auf, genossen
ein ausgiebiges Frühstück und nochmal das wunderbare Panorama,
bevor wir um 12 Uhr in Richtung Mont Blanc aufbrachen. Wir waren wohl die
Letzten gewesen, die an diesem Tag den Mont Blanc auf dieser Route erreichten.
So war es uns auch vergönnt, einige Minuten alleine auf dem Gipfel
des Mont Blanc bei Sonnenschein zu verbringen, bevor wir über den Bossesgrat
und die Aiguille du Goûter bis zur Tête Rousse Hütte abstiegen.
Zusammen mit dem Hüttenwirt und dem Architekten der im Bau befindlichen
neuen Hütte feierten wir dann mit reichlich Rotwein unsere gelungene
Eröffnung der neuen Route auf den Mont Maudit bis spät in die
Nacht hinein.
Wir gaben der Route den Namen „Éperon Gousseault“ im
Gedenken an den Bergführer Gousseault aus der Provence, der 1971
im Alter von 24 Jahren beim Versuch einer Routenneueröffnung durch
die Nordwand der Grandes Jorasses ums Leben kam.
Rahel Maria Liu
(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV, 3/2002, pp.
16-19)