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In den letzten Jahren war das Ziel
der Hochtourenfraktion innerhalb der Bergsteigergruppe bekanntermaßen
vorwiegend das Wallis. Zwar gibt es dort noch viele Gipfel zu besteigen,
doch für dieses Jahr sollte eine andere Gebirgsgruppe - natürlich
mit lohnenden 4000ern - das Ziel sein. Und schon früh im Jahr stand
fest: im Sommer geht´s ins Mont Blanc-Gebiet.
Am Freitag, dem 19. Juli, fahren wir los nach La Palud bei Courmayeur.
Wir, das sind: Albert, Anton, Albrecht, Uli und ich. Wir fahren über
Chamonix, wo wir Rahel treffen wollen. Sie wird von einem Bergführer
aus Chamonix, Ivano, zur Talstation der Aiguille du Midi-Seilbahn gebracht.
Mit ihm will sie später eine Erstbegehung am Mont Maudit versuchen
(die ja dann auch geklappt hat, siehe ihren ausführlichen Bericht in
Heft 3/2002). Am Samstag wird dann noch Andreas zu uns stoßen.
Wir fahren durch den wieder eröffneten Mont Blanc-Tunnel nach Courmayeur
und parken unsere Autos in La Palud. Hier fährt die Seilbahn ab zur
Turiner Hütte auf knapp 3400 Metern Höhe. Sie ist unser Stützpunkt
für die geplanten Hochtouren auf der italienischen Seite des Mont
Blanc-Massivs.
Am Samstag, dem 20. Juli, wollen wir den Rochefortgrat überschreiten.
Kurz nach 4 Uhr marschieren wir in 2 Seilschaften los. Über den Col
du Géant, eine Firnrinne und eine anschließende Fels- und Eiskletterpassage
(bis Schwierigkeitsgrad II) erreichen wir um 6.30 Uhr den Fuß der
Dent du Géant, einem herrlichen, 180 m hohen Felsobelisk. Hier beginnt
der Rochefortgrat. Doch bevor wir uns auf die schmale Firnschneide begeben,
machen wir erstmal Pause. Das passt auch gut zum Namen dieser Stelle: Frühstücksplatz.
Dann legen wir fest, in welchen Seilschaftsformationen wir losmarschieren
wollen. Der Rochefortgrat ist einer der schönsten Firngrate in den
Alpen: schmal, ausgesetzt, mit - je nach Einstellung - herrlichen oder beängstigenden
Tiefblicken nach rechts und links. Für eine Überschreitung kommen
2 Sicherungstechniken in Frage: Entweder man geht allein, dann reißt
man bei einem Sturz niemand anderen mit. Oder man geht in Zweier-Seilschaft;
wenn der erste Seilpartner stürzt, muss der zweite sofort die andere
Seite des Grates hinunterspringen. Soweit die Theorie...
Rahel und Anton entschließen sich für die erste Möglichkeit
und gehen solo. Uli und ich sowie Albert und Albrecht gehen jeweils in
Zweierseilschaft. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, als wir losgehen,
doch es weht ein starker und böiger Wind. An besonders ausgesetzten
Stellen warten wir, bis der Wind kurz nachlässt, und huschen dann schnell
hinüber. Manchmal müssen wir stehen bleiben und uns ducken, um
nicht vom Grat geblasen zu werden.
Mal rechts, mal links und mal direkt auf der Gratschneide geht es Richtung
Aiguille du Rochefort, einem 4001 m hohen Zwischengipfel des Rochefortgrates.
Stellenweise ist er überwächtet, und mehr als einmal stößt
der Pickel ins Leere. Bereits um 8 Uhr wird die Aiguille erreicht. Angesichts
des Sturmes verzichten wir auf den Weiterweg zum Dôme de Rochefort,
dem Hauptgipfel des Grates. Auf dem Rückweg zur Dent du Géant
bläst eine Sturmböe Ulis Helm vom Kopf, trotz Kinnriemen. Ich
kann gerade noch sehen, wie er den Firnhang Richtung Courmayeur hinunterfliegt.
Am Früstücksplatz machen wir dann ausgiebig Rast, der Wind ist
hier deutlich schwächer. Dann steigen wir den gleichen Weg ab, den
wir aufgestiegen sind, und sind um 12.30 Uhr wieder auf der Hütte.
Nachmittags kommt Andreas mit der Seilbahn zur Hütte hochgefahren,
und wir planen für den nächsten Tag, uns aufzuteilen und verschiedene
Touren anzugehen. Da für den Nachmittag Gewitter und Regen prognostiziert
werden, kommen nur kurze Unternehmungen in Frage.
Doch früh am Sonntagmorgen ist alle Planung hinfällig: das
schlechte Wetter ist viel früher da als angekündigt. Dichter
Nebel und Regen vereiteln jedes Vorhaben. Das schlechte Wetter hält
den ganzen Tag an. Der Hüttenwirt stellt nach dem Mittagessen einen
Fernseher in den Speiseraum, und wir können live miterleben, wie Michael
Schuhmacher vorzeitig Formel 1 - Weltmeister wird. Danach üben wir
im Tunnel, der von der Seilbahnstation zur Hütte führt, die Technik
der Spaltenbergung.
Die Wettervorhhersage für den Montag ist wieder gut. Uli, Albert,
Anton, Albrecht und ich wollen auf den Mont Blanc du Tacul, Rahel und Andreas
zieht es die Nordwand der Tour Ronde hoch. Um kurz nach 4 Uhr brechen wir
auf. Es ist neblig und stürmt, doch wir marschieren los in der Hoffnung,
dass die angekündigte Wetterbesserung eintritt. Um 6 Uhr befinden wir
uns in einer Spaltenzone und gehen erstmal ein Stück zurück. Der
Nebel kommt und geht, es sieht nicht nach einer durchgreifenden Besserung
aus. Wir entschließen uns zur Umkehr - und bald darauf klart es auf,
der Nebel verschwindet, die Sonne strahlt vom Himmel. Reingefallen!
Rahel und Andreas lassen sich von den Wetterkapriolen nicht beirren und
ziehen ihre Tour durch. Doch sie treffen auf nicht optimale Verhältnissen
- weicher Schnee beim Aufstieg in der Nordwand und später auch beim
Abstieg über den Normalweg. Sie kommen erst kurz nach 19.30 Uhr auf der
Hütte an und sind einigermaßen geschafft.
Für Dienstag ist der Wetterbericht eindeutig und gut. Albert, Anton,
Albrecht, Andreas und Uli holen die abgebrochene Tour vom Vortag nach und
besteigen bei besten Verhältnissen den Mont Blanc du Tacul (4248 m).
Da die Gruppe vorher praktisch zwei Ruhetage hatte, ist das Tempo entsprechend
hoch: bereits um 13 Uhr sind sie wieder auf der Turiner Hütte.
Als überwiegend dem Felsklettern zugetaner Bergsteiger reizte mich
vom ersten Tag an eine andere Tour: die Dent du Géant, diese markante
Felsnadel, hatte es mir angetan, seit ich sie bei unserer Rochefortgrat-Überschreitung
näher in Augenschein nehmen konnte. Mit Rahel findet sich eine adäquate
Seilpartnerin, denn sie will sich auf die geplante Erstbegehung vorbereiten.
Im Gegensatz zu den anderen können wir ausschlafen, es ist nicht
nötig, allzu früh einzusteigen. Wir wollen die Südwestwand
hochklettern, die Normalroute auf den „Riesenzahn“. Wenn man die vorhandenen
Fixseile nicht benutzt, erreicht sie den Schwierigkeitsgrad 5+. Als wir am
späten Vormittag den Frühstücksplatz erreichen, müssen
wir erstmal fast eine Stunde warten, bis wir an der Reihe sind: einige Seilschaften
sind noch vor uns dran.
Die Route selbst bietet herrliche Granitkletterei: teilweise plattig,
teils gut gestuft, teilweise entlang von Rissen geht es in 7 Seillängen
zum SW-Gipfel (4009 m). Ich habe am Früstücksplatz meine Bergstiefel
mit meinen Reibungskletterschuhen getauscht, was angesichts des rauhen
Granits Genuss pur bietet. Rahel dagegen klettert in ihren Plastikbergschuhen,
als Training für ihre Erstbegehung. Wir erreichen den SW-Gipfel um
halb drei und verzichten wegen des Andrangs anderer Seilschaften auf die
Querung zum 4 Meter höheren Hauptgipfel. Wir genießen einige
Minuten die herrliche Aussicht und seilen dann die gleiche Strecke ab, die
wir hochgeklettert sind. Der Abstieg vom Frühstücksplatz über
die mittlerweile aufgeweichte Fels- und Schneepassage zum Glacier du Géant
ist der unangenehmste Teil der Tour. Danach folgt der lange Hartsch zur Hütte,
die wir gerade rechtzeitig zum Abendessen erreichen.
Da die Wetterprognose für die nächsten Tage nicht gut ist,
fahren wir am nächsten Tag nach Hause. Zu tun gibt es im Mont Blanc-Gebiet
noch genügend, so dass wir sicher wiederkommen werden.
(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des
DAV, 4/2002, pp. 19-21)
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