Mont Blanc Group
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Mont Blanc Group

Tripreport (July 2002)

Last update: January 15th, 2003
   © Copyright by
Rahel Maria Liu

 

Mont Blanc Massif

The Mont Blanc Massif, viewed from Rochefort-Ridge

(Background from the left: Peuterey-Ridge, Mont Blanc, Mont Maudit with Kuffner-Ridge, Mont Blanc du Tacul with Gervasutti Couloir
Foreground: Tour Ronde with its Northface, Grand Capucin)

July 2002

© Copyright by Rahel Maria Liu


Hochtouren im Mont Blanc Gebiet

© Copyright by Jürgen Puderbach


In den letzten Jahren war das Ziel der Hochtourenfraktion innerhalb der Bergsteigergruppe bekanntermaßen vorwiegend das Wallis. Zwar gibt es dort noch viele Gipfel zu besteigen, doch für dieses Jahr sollte eine andere Gebirgsgruppe - natürlich mit lohnenden 4000ern - das Ziel sein. Und schon früh im Jahr stand fest: im Sommer geht´s ins Mont Blanc-Gebiet.

Am Freitag, dem 19. Juli, fahren wir los nach La Palud bei Courmayeur. Wir, das sind: Albert, Anton, Albrecht, Uli und ich. Wir fahren über Chamonix, wo wir Rahel treffen wollen. Sie wird von einem Bergführer aus Chamonix, Ivano, zur Talstation der Aiguille du Midi-Seilbahn gebracht. Mit ihm will sie später eine Erstbegehung am Mont Maudit versuchen (die ja dann auch geklappt hat, siehe ihren ausführlichen Bericht in Heft 3/2002). Am Samstag wird dann noch Andreas zu uns stoßen.

Wir fahren durch den wieder eröffneten Mont Blanc-Tunnel nach Courmayeur und parken unsere Autos in La Palud. Hier fährt die Seilbahn ab zur Turiner Hütte auf knapp 3400 Metern Höhe. Sie ist unser Stützpunkt für die geplanten Hochtouren auf der italienischen Seite des Mont Blanc-Massivs.

Am Samstag, dem 20. Juli, wollen wir den Rochefortgrat überschreiten. Kurz nach 4 Uhr marschieren wir in 2 Seilschaften los. Über den Col du Géant, eine Firnrinne und eine anschließende Fels- und Eiskletterpassage (bis Schwierigkeitsgrad II) erreichen wir um 6.30 Uhr den Fuß der Dent du Géant, einem herrlichen, 180 m hohen Felsobelisk. Hier beginnt der Rochefortgrat. Doch bevor wir uns auf die schmale Firnschneide begeben, machen wir erstmal Pause. Das passt auch gut zum Namen dieser Stelle: Frühstücksplatz.

Dann legen wir fest, in welchen Seilschaftsformationen wir losmarschieren wollen. Der Rochefortgrat ist einer der schönsten Firngrate in den Alpen: schmal, ausgesetzt, mit - je nach Einstellung - herrlichen oder beängstigenden Tiefblicken nach rechts und links. Für eine Überschreitung kommen 2 Sicherungstechniken in Frage: Entweder man geht allein, dann reißt man bei einem Sturz niemand anderen mit. Oder man geht in Zweier-Seilschaft; wenn der erste Seilpartner stürzt, muss der zweite sofort die andere Seite des Grates hinunterspringen. Soweit die Theorie...

Rahel und Anton entschließen sich für die erste Möglichkeit und gehen solo. Uli und ich sowie Albert und Albrecht gehen jeweils in Zweierseilschaft. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, als wir losgehen, doch es weht ein starker und böiger Wind. An besonders ausgesetzten Stellen warten wir, bis der Wind kurz nachlässt, und huschen dann schnell hinüber. Manchmal müssen wir stehen bleiben und uns ducken, um nicht vom Grat geblasen zu werden.

Mal rechts, mal links und mal direkt auf der Gratschneide geht es Richtung Aiguille du Rochefort, einem 4001 m hohen Zwischengipfel des Rochefortgrates. Stellenweise ist er überwächtet, und mehr als einmal stößt der Pickel ins Leere. Bereits um 8 Uhr wird die Aiguille erreicht. Angesichts des Sturmes verzichten wir auf den Weiterweg zum Dôme de Rochefort, dem Hauptgipfel des Grates. Auf dem Rückweg zur Dent du Géant bläst eine Sturmböe Ulis Helm vom Kopf, trotz Kinnriemen. Ich kann gerade noch sehen, wie er den Firnhang Richtung Courmayeur hinunterfliegt. Am Früstücksplatz machen wir dann ausgiebig Rast, der Wind ist hier deutlich schwächer. Dann steigen wir den gleichen Weg ab, den wir aufgestiegen sind, und sind um 12.30 Uhr wieder auf der Hütte.

Nachmittags kommt Andreas mit der Seilbahn zur Hütte hochgefahren, und wir planen für den nächsten Tag, uns aufzuteilen und verschiedene Touren anzugehen. Da für den Nachmittag Gewitter und Regen prognostiziert werden, kommen nur kurze Unternehmungen in Frage. 
Doch früh am Sonntagmorgen ist alle Planung hinfällig: das schlechte Wetter ist viel früher da als angekündigt. Dichter Nebel und Regen vereiteln jedes Vorhaben. Das schlechte Wetter hält den ganzen Tag an. Der Hüttenwirt stellt nach dem Mittagessen einen Fernseher in den Speiseraum, und wir können live miterleben, wie Michael Schuhmacher vorzeitig Formel 1 - Weltmeister wird. Danach üben wir im Tunnel, der von der Seilbahnstation zur Hütte führt, die Technik der Spaltenbergung.

Die Wettervorhhersage für den Montag ist wieder gut. Uli, Albert, Anton, Albrecht und ich wollen auf den Mont Blanc du Tacul, Rahel und Andreas zieht es die Nordwand der Tour Ronde hoch. Um kurz nach 4 Uhr brechen wir auf. Es ist neblig und stürmt, doch wir marschieren los in der Hoffnung, dass die angekündigte Wetterbesserung eintritt. Um 6 Uhr befinden wir uns in einer Spaltenzone und gehen erstmal ein Stück zurück. Der Nebel kommt und geht, es sieht nicht nach einer durchgreifenden Besserung aus. Wir entschließen uns zur Umkehr - und bald darauf klart es auf, der Nebel verschwindet, die Sonne strahlt vom Himmel. Reingefallen!

Rahel und Andreas lassen sich von den Wetterkapriolen nicht beirren und ziehen ihre Tour durch. Doch sie treffen auf nicht optimale Verhältnissen - weicher Schnee beim Aufstieg in der Nordwand und später auch beim Abstieg über den Normalweg. Sie kommen erst kurz nach 19.30 Uhr auf der Hütte an und sind einigermaßen geschafft.

Für Dienstag ist der Wetterbericht eindeutig und gut. Albert, Anton, Albrecht, Andreas und Uli holen die abgebrochene Tour vom Vortag nach und besteigen bei besten Verhältnissen den Mont Blanc du Tacul (4248 m). Da die Gruppe vorher praktisch zwei Ruhetage hatte, ist das Tempo entsprechend hoch: bereits um 13 Uhr sind sie wieder auf der Turiner Hütte.

Als überwiegend dem Felsklettern zugetaner Bergsteiger reizte mich vom ersten Tag an eine andere Tour: die Dent du Géant, diese markante Felsnadel, hatte es mir angetan, seit ich sie bei unserer Rochefortgrat-Überschreitung näher in Augenschein nehmen konnte. Mit Rahel findet sich eine adäquate Seilpartnerin, denn sie will sich auf die geplante Erstbegehung vorbereiten.

Im Gegensatz zu den anderen können wir ausschlafen, es ist nicht nötig, allzu früh einzusteigen. Wir wollen die Südwestwand hochklettern, die Normalroute auf den „Riesenzahn“. Wenn man die vorhandenen Fixseile nicht benutzt, erreicht sie den Schwierigkeitsgrad 5+. Als wir am späten Vormittag den Frühstücksplatz erreichen, müssen wir erstmal fast eine Stunde warten, bis wir an der Reihe sind: einige Seilschaften sind noch vor uns dran.

Die Route selbst bietet herrliche Granitkletterei: teilweise plattig, teils gut gestuft, teilweise entlang von Rissen geht es in 7 Seillängen zum SW-Gipfel (4009 m). Ich habe am Früstücksplatz meine Bergstiefel mit meinen Reibungskletterschuhen getauscht, was angesichts des rauhen Granits Genuss pur bietet. Rahel dagegen klettert in ihren Plastikbergschuhen, als Training für ihre Erstbegehung. Wir erreichen den SW-Gipfel um halb drei und verzichten wegen des Andrangs anderer Seilschaften auf die Querung zum 4 Meter höheren Hauptgipfel. Wir genießen einige Minuten die herrliche Aussicht und seilen dann die gleiche Strecke ab, die wir hochgeklettert sind. Der Abstieg vom Frühstücksplatz über die mittlerweile aufgeweichte Fels- und Schneepassage zum Glacier du Géant ist der unangenehmste Teil der Tour. Danach folgt der lange Hartsch zur Hütte, die wir gerade rechtzeitig zum Abendessen erreichen.

Da die Wetterprognose für die nächsten Tage nicht gut ist, fahren wir am nächsten Tag nach Hause. Zu tun gibt es im Mont Blanc-Gebiet noch genügend, so dass wir sicher wiederkommen werden.

(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV, 4/2002, pp. 19-21)