Watzmann
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Watzmann

Tripreport (August 2001)    

Last update: January 15th, 2003
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Rahel Maria Liu

On the top of Watzmann  

On the top of Watzmann

© Copyright by Rahel Maria Liu

Watzmann Ostwand
Kederbacher Weg

© Copyright by Albert Mendle


Weltbekannte Trilogie, so wird in einigen Bergbüchern das Dreigestirn aus Königssee, St. Bartholomä und der Watzmann Ostwand beschrieben. Diese Konstellation ist nicht nur in Deutschland sondern im gesamten Alpenraum ein Superlativ. Die Watzmann Ostwand ist mit 1800Hm eine der höchsten Wände in den Alpen. Durch ihre Dimensionen kann sich die „Watzmann Ost“ auch mit Wänden der Westalpen messen.
Beim Blick vom Königssee auf die Ostwand, hat schon mancher Bergsteiger gehörigen Respekt vor dieser Wand bekommen. Vermutlich ging es Johann Grill - genannt der Kederbacher - ähnlich. Denn erst nach mehrjährigem Wandstudium riskierte er 1881die Erstdurchsteigung dieser riesigen Wand. Aus diesem Anlaß wurde sein Anstiegsweg der Kederbacher Weg genannt.

Diesen Weg haben Rahel, Andreas und ich ausgewählt um dem Watzmann aufs Haupt zu steigen. Die Tour zur Ostwand beginnen wir mit einer Schiffahrt nach St. Bartholomä. Auf dem Schiff werden uns wilde Storys von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt. Auch kann sich der Kapitän dieses edlen batteriebetriebenen Kahns nicht verkneifen ein paar falsche Töne mit seiner Trompete in Richtung Echowand zu jagen. Es bleibt uns nicht erspart, daß die Töne genauso falsch zurückschallen. Gott sei Dank steuern wir endlich auf Bartholomä zu und wir können dort dem Touristernrummel etwas aus dem Weg gehen. Wirkliche Ruhe von Rummel und Tourismus kehrt ein als das letzte Schiff nach Königssee ablegt und St. Bartholomä den Ostwandaspiranten gehört.

Es ist 4:30 Uhr morgens am 25. August, und wir verlassen die nach Moder riechende Ostwandhütte. Stockfinster ist es hier draußen, nur mit Hilfe unserer Stirnlampen gelangen  wir durch dichten Wald und vorbei an sprudelnden Bächen bis zur Eiskapelle. Im Morgengrauen gehen wir auf das Eisfeld der Eiskapelle hinab, ziehen unsere Steigeisen an und queren gemütlich ansteigend eines der letzten Eisfelder Deutschlands. Auf der anderen Seite stellen wir fest daß die von den Naturelementen geschaffene Randkluft schon ziemlich breit ist. Zu allem Übel ist auch keine Brücke vorhanden die uns den Übergang zum Fels erleichtern würde. Während ich noch überlege wie der Übergang wohl zu machen ist, hat Andreas mit einem mutigen Sprung auf ein Felsband die Randkluft überwunden. Also nichts wie hinterher denke ich und springe ebenfalls. Auch Rahel setzt nach anfänglichem zögern zum Sprung an.

In unangenehm brüchigem Fels klettern wir einige Meter zur ersten Grasterrasse empor. Dort finden wir eine Spur die sich durch knietiefes Gras windet, doch irgendwann im  anschließenden Schrofengelände geht uns die Spur verloren. Wo sind sie hier die großen und kleinen Steinmänner - die wie drüben auf dem Berchdesgadener Weg - so zuverlässig ihre Arbeit verrichten? Nichts weist uns den weiteren Weg. Sind wir jetzt auf der zweiten Grasterrasse oder noch nicht? Wo ist den überhaupt die Schlucht in die wir einsteigen sollen? Von hier aus gesehen ist alles nicht so wie es die Bilder im Raspführer darstellen. Nun stehen wir da wir armen Würmer inmitten einer 2000m breiten Wand noch 1500Hm vom befreienden Gipfel entfernt.
 
Nach einer viertel Stunde angespannter und  intensiver Wegsuche stoßen wir doch noch auf so etwas wie eine Begehungsspur. Hoffnungsfroh folgen wir  ihr und gelangen so zu einer Schlucht in der wir bis zu einem Geröllkessel weiter klettern. Zwei eingeschlagene Haken werden von uns als sicheres Zeichen gedeutet nun den richtigen Weiterweg gefunden zu haben. Aus diesem Kessel zweigt eine weitere Schlucht ab die zur orientierungstechnischen Schlüsselstelle des Kederbacher Weges führt. Diese Stelle muß man auf 10m genau treffen. Also klettern wir in der Schlucht hoch, um genau  bei 1250Hm scharf nach links heraus ins Schöllhornkar abzuzweigen.

Keiner spricht ein Wort als wir nun ins Schöllhornkar einsteigen, erst ein rauschender Bach durchbricht die Stille die in diesem Kar herrscht. Dieser Bach entspringt dem Schöllhorneis auf das wir uns gerade zubewegen. Bevor wir uns aufs Eis begeben füllen wir noch schnell unsere Trinkflaschen mit eiskaltem Wasser auf und runden den Inhalt mit etwas Magnesium, Calcium und Brausetabletten ab.  Blankeis zwingt uns wiederum die Steigeisen anzuziehen, auch der Pickel wird auf diesem zerklüfteten mäßig steilen Eisfeld eingesetzt. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend überspringen wir ein paar grundlos tiefe Spalten bis wir die  Randkluft am Ende des Eisfeldes erreicht haben. Diese Kluft ist gigantisch und währe wohl nur abseilend zu überwinden wenn nicht ein abgebrochener Eisturm eine Brücke gebildet hätte.

Fünf Minuten nach verlassen des Schöllhorneises erreichen wir die klettertechnische Schlüsselstelle des Kederbacher Weges. Klettergenuss kommt hier an der Schöllhornplatte keiner auf, denn mit Bollerschuhen und extrem brüchigem Fels kämpfend überwinden wir nicht gerade im elegantesten Stil diese Passage im vierten Schwierigkeitsgrat. Innere Anspannung hat sich nun breit gemacht, auch die weitere Kletterei in leichterem und überraschend festen Fels bis zum Zellerloch empor, läßt diese Anspannung nicht verschwinden. Bis zu drei Personen können in diesem Loch biwakieren. Wer möchte kann sich hier in ein Wandbuch eintragen, das im hintersten Winkel der Höhle angebracht ist.

Oberhalb des Zellerlochs queren wir hinüber zum Beginn des dritten Bandes das hier Straßenbreit die Watzmann Ostwand quert. Jä und unverhofft wird das Band am Kaserereck auf niedliche 40cm breite reduziert. Diese ausgesetzte Unterbrechung des dritten Bandes ist etwas für unseren Adrenalinspiegel, denn bei einem Blick auf unsere Fußspitzen haben wir den Eindruck genau 1400Hm senkrecht über Bartholomä zu stehen. Gott sei Dank wird das Band nach 20m wieder breiter und so kommen wir in leichterem Gelände zügig bis zur Gipfelschlucht.

Hier in der Gipfelschlucht, wo sich Berchdesgadener Weg und Kederbacher Weg vereinen, löst sich mit einem Schlag die ganze Anspannung auf. Von vier Begehungen auf dem Berchdesgadener Weg ist mir jetzt des Gelände sehr vertraut. Ohne Orientierungsproblematik sind wir recht schnell an der Biwakschachtel. In Vorfreude auf die wunderschöne Kletterei der Ausstiegskamine halten wir uns hier nicht lange auf, sondern steigen gleich zu den Kaminen auf. Hier genießen wir eine Kletterstelle nach der anderen bis wir die Schlüsselstelle des Berchdesgadener Weges erreichen. Wir überklettern diesen letzten Aufschwung der Watzmann - Ostwand ohne Probleme und erreichen schließlich den Gipfel.

Am Gipfel dürfen Andreas und Rahel das Glöcklein läuten das im Gipfelkreuz eingebaut ist. Dieses Privileg ist nur den Ostwandbegehern vorbehalten. Zu meiner Überraschung hat Andreas für diesen Moment einen Picollo  mitgeschleppt. So sitzen wir einige Zeit  Picollo schlürfend am Gipfelkreuz und freuen uns über die gelungene Tour über den Kerderbacher Weg.

(published in: Mitteilungen der Sektion Ulm des DAV, 4/2001, pp. 35-38)